Das Bild von Nietzsche – Stoffsammlung I: Aufstieg auf verwaiste Gipfel, Wegmarken

von Jürgen Plechinger

Die Beschäftigung mit Friedrich Nietzsche und seinem Schrifttum, die letztendlich zu einem der wörtlichen Überschrift gemäßen Abschluss führen soll, könnte ohne Weiteres zu einer Lebensaufgabe anwachsen, die einen völlig gefangen nimmt, wenn man es zulässt. Schon diese kleine Einsicht provoziert interessanterweise die Assoziation einer Gefahr.

Trotz der Kürze von Nietzsches Schaffensphase, die durch reichliche lebensorganisatorische Erschwernisse vornehmlich gesundheitlicher Art auch nicht kontinuierlich nutzbar war, hat er einen Gedankenkomplex von beeindruckender Mächtigkeit hinterlassen, der bei weitem auch noch nicht abgeschlossen war. Trotzdem hat man, wenn man in der Lage ist, sich auf eine Stofffülle einzulassen, die den Inspirationswilligen auf unzähligen Wegen in immer neue Gebiete führt.

Dieser Komplex reicht von tiefsten Abgründen, die — wie mancher zweifellos schon gelesen hat — nach einem langen, wagemutigen Blick in die eigenen schwärzesten Tiefen, zurückblicken, bis auf die höchsten Gipfel, die für den mit ebenso viel Wagemut begangenen Aufstieg und das Ausharren in den Höhen der Erkenntnis mit Entfremdung und Einsamkeit übrig haben.
Damals wie heute hat man es zwar mit einer Welt zu tun, in der man wahre Erkenntnis nicht nur nicht zu würdigen weiß, weil man sie allgemein nicht einfach erkennen kann, sondern in völliger Verkennung aus Unwissenheit und Angst vor den erwähnten Gefahren sogar verhöhnt und vernichtet. Das Mindeste, das der Erkennende erwarten kann, ist Unverständnis. Das muss man aushalten können.

Diese Art Gefahren jedenfalls, wie immer man sich diese auch ausmalen mag, sind heutzutage ungleich besser einzuschätzen, als es zu Lebzeiten des Philosophen möglich war und sie werden in absehbarer Zeit kein großes Risiko mehr sein, weil das Ziel erreicht sein wird, welches Nietzsche in einem Schreiben an seine Schwester Elisabeth im Jahr 1883 noch nicht genau definieren, aber andeuten konnte:

„Die Zukunft der Menschheit — daran zu denken ist mein einziges Labsal, das Gegenwärtige will ich nicht mehr sehn und hören, es erstickt, drückt, quält mich, es macht mich arm und kleinmüthig — […]“

Wahre Erkenntnis, — die Wahrheit selbst — dieser Banalität war sich selbstverständlich auch Nietzsche bewusst, wird sich letztendlich als die sinnvoll gestaltende Kraft offenbaren und dann auch gestaltende Kraft bleiben. Nur sie kann und konnte es überhaupt sein, auch wenn sie durch zwangsläufige Umstände sozusagen heimlich, okkult wirkte bzw. wirken musste. Doch wie lange es dauern würde, bis sie sich — letztlich mit Hilfe bewusster Intelligenz — durchsetzen sollte; auch das konnte Nietzsche selbst nicht ahnen:

„Wer weiß wie viele Generationen erst vorüber gehen müssen, um einige Menschen hervorzubringen, die es in seiner ganzen Tiefe nachfühlen, was ich gethan habe! Und dann selbst noch macht mir der Gedanke Schrecken, was für Unberechtigte und gänzlich Ungeeignete sich einmal auf meine Autorität berufen werden. Aber das ist die Qual jedes großen Lehrers der Menschheit: er weiß, daß er, unter Umständen und Unfällen, der Menschheit zum Verhängniß werden kann, so gut als zum Segen.“
(An Malwida von Meysenbug in Rom, 1884)

Es wird jedenfalls eine Zukunft sein, in der man nicht explizit darauf hinweisen muss, dass die Feststellung einer Ablehnung aus allgemeinem Unverständnis, allzuoft zu erbitterter Gegnerschaft wachsend, kein Urteil moralischer Art ist, wie es seit 1600 Jahren als irrtümliches Abfallprodukt eines Schandflecks der Bremsklotz bewusster Kulturentwicklung ist und als willkommenes oft brutales Werkzeug unbewusst seine Anwendung fand und findet.
Vielleicht wurde an dieser Stelle verständlich, wie eine Unkultur dem Streben nach Erkenntnis gefährlich (gewesen) sein könnte. Wirkliche Wahrheitssuche ist kompromisslos. Nur die ganze Wahrheit macht frei und nur so war sie auch immer gefährlich. Alles andere sind noch (Not)Lügen, recht für Feiglinge und schwache Geister, denn die Allheit der Wahrheit fordert vom auf ihrem Wege Suchenden und Forschenden als unausweichliche Konsequenz auch die Breitschaft zur Selbsterkenntnis.
Einen zugegebenermaßen zunächst recht oberflächlichen Aspekt derselben streift eine Sammlung von Einsichten in und Informationen über Nietzsches Leben, die an diesem Punkt des Arbeitsprozesses, den ersten Hauptteil der vorerst ungeordneten Stoffsammlung ausmachen.
Für diese subjektiv benannten Aspekte fehlte zunächst ein rechtmäßiger Begriff. Sie Ähnlichkeiten oder gar Gemeinsamkeiten zu nennen, gerät leicht zu einer respektlosen Anmaßung. Weit davon entfernt, sie auch nur im entferntesten nachvollziehen oder nachfühlen zu können, geben sie Überlagerungen eigener Lebensaspekte wieder, vermitteln also subjektive Eindrücke des Wohlbekannten.

Wertvoll sind sie für gestalterische Fragen allemal, auch wenn das meiste sich in etwa so vergleichen lässt wie die eigene sich kürzlich manifestierende Altersweitsichtigkeit mit der schleichenden Erblindung Nietzsches. Zumindest ruft die Einschränkung und Umständlichkeit der Arbeit an Text und Bild durch die Einschränkung der Sicht stets Nietzsches diesbezügliche, bei weitem erheblichere Arbeitsbehinderung ins Bewusstsein.
Ähnlich verhält es sich mit der bevorzugten Weise, in der das Planen, Entwerfen und das Durchdenken des gesammelten Stoffs geschieht. Den geeigneten Rahmen findet das Spiel von Gedanken und Assoziationen wie bei Nietzsche in den inspirierenden und fruchtbaren Eigenschaften von Spaziergängen oder Wanderungen, bei denen vieles leicht als des Notierens oder Skizzierens würdig befunden wird. Verwerfen kann man immer noch.
Während man selbst diese Art sein schöpferisches Potential im wahrsten Sinne des Wortes „laufen zu lassen“ als seiner eigensten Art höchst entsprechend, des öfteren sogar als Vergnügen empfindet, hängt deren Häufigkeit und Länge von den als Nebensachen zur Befriedigung eines halbwegs komfortablen, geordneten Überlebens empfundenen erwerbsnotwendigen Umständen und lebensorganisatorischen Konstellationen ab.
Für Nietzsche selbst waren lange, mehrstündige Spaziergänge und Wanderungen eine Notwendigkeit des Überlebens.

Befände man sich auf einer Bergwanderung erblickte man Friedrich Nietzsche sozusagen aus einer Entfernung, die gerade noch erlaubt, ihn zu erkennen. Er geht voraus, vielleicht hat er einen überholt. Man trifft sich sicher nicht auf dem Gipfel. Denn wenn man diesen überhaupt erreichte, wäre Nietzsche schon längst wieder abgestiegen. Unterwegs erkennt man, dass verwitterte Wegmarken den Weg säumen. Manche sind nur noch schwer als solche zu erkennen, man kann sie leicht, fälschlicherweise als natürlich geformt angenommen, übersehen.
Auf einem ebensolchen Spaziergang wurde die Wegmarke zum geeigneten Begriff für die Aspekte, die eben keine sicheren, bzw. deckungsgleichen Gemeinsam- oder Nachvollziehbarkeiten sind. Ob er rechtmäßig sein könnte, wird sich vielleicht noch zeigen.
Die bisher begangenen Pfade durch die Topografie des Nietzsche-Massivs können trügerisch sein. Obwohl sie sich durch häufige Begehung im Lauf der Zeit deutlich abzeichnen, ist nicht ausgeschlossen, sich auf ihnen zu verirren. Manche Wege sind mit der Zeit zugewachsen, andere sind noch nicht entdeckt worden und harren zugewuchert ihrer Entdeckung.
Die begangene Strecke bot Gelegenheit folgende Wegmarken festzuhalten:

(Erwerbs)Biographische Brüche, Heimatlosigkeit, Vaterlücke, Frauenhaushalt, enervierender Menschenverkehr, unstete Lebensführung, Verwechslungsgefahr, Abgeschiedenheit, Einsiedlertum, Einsamkeit, Isolation, Selbstüberwindung, Zumutungen, Krankheit, Schmerz, Leidensfähigkeit, Beharrlichkeit, Empfindsamkeit, Feinheit, Verletzlichkeit, Durchlässigkeit, Neugier, Denkwagnis, Etappenarbeit, Erbauung durch Musik*.

*Nebenbei:
Nietzsches Beziehung zur Musik ist ein überaus wichtiger Aspekt. Während es im Fall des Verfassers vorzugsweise stromverstärkter Saitenmusik zur Erbauung bedarf, handelte es sich in Nietzsches Fall natürlich um klassische Musik. Nietzsche war musikalisch hochgebildet, spielte Klavier und komponierte sogar. In einer Zeit, die Aufzeichnungsgeräte und die ständige Verfügbarkeit gespeicherter Musik nicht kannte, war die Kunst der Töne nicht nur ein Konsumgut nach heutiger Prägung, sondern auch ein die Gefühle und den Intellekt ansprechendes Vergnügen bzw. Herausforderung. Besonders galt dies für Nietzsche. Doch oft musste er sich mit den Noten begnügen und sich den Höreindruck vorstellen.
Die Alternativlosigkeit seines Einsiedlertums forderte von Nietzsche in dieser Hinsicht schmerzhaften Verzicht. An wenige Gelegenheiten gebundene Orchesteraufführungen waren selten. Den Umständen entsprechend häufiger bestand die Möglichkeit einem Klavierspiel lauschen zu können.