Unterland

Ein Rückblick aus der nahen Zukunft als
stellenweises Prosagedicht.

von Jürgen Plechinger


Wo ihr noch die Höhen fehlen, bietet die Landschaft in schamloser Offenheit ihre Einfalls- und Lieblosigkeit dar. Wie aus Achtlosigkeit zufällig hingeschmissen, lässt sie den in ihr Wandernden mit gnädiger Herablassung Leere und Geschmacklosigkeit atmen. Sie riecht nach nichts, ihre Geräusche bleiben nicht im Ohr hängen, sie kennt keine wohlklingenden Töne. Von den Menschen der letzten Generationen maßgeblich geformt, dünstet ihre Fantasielosigkeit und der Mangel an Mut und Lebenswillen aus jedem Flurstück, jedem Weg, jedem Ort.
Die einzige im Wanderer fast Fremdscham auslösende Charaktereigenschaft ist ihre Unentschiedenheit in allen Dingen, ihr Farbspektrum ist ein Klischee der lebendigen Natur, die Formen gereichen nicht einmal zu einer Parodie.

Wo ihr die Möglichkeit gegeben wäre, mit der Großzügigkeit der Weite ein Geschenk zu machen, schneidet sie sich trotz tiefsitzendem Geiz als entbehrlich missverstandenes Gehölz und Hügelkämme aus dem erdigen Fleisch, weil sie nicht wissen will, wieviel man geben kann, bevor es zuviel ist und verstellt mit dem Überflüssigen unbeholfen Sicht und Gedankengänge.
Sich ihrem völligen Fehlen an Überzeugungskraft nicht bewusst, versucht sie dem Wanderer mit nur von ihm wahrzunehmendem zwischen Verzweiflung und Unbeholfenheit wechselndem Nachdruck weiszumachen, sie hätte einen Sinn für dem Gemüt zusagende Räume, deren Gliederungen Schutz und Geborgenheit böten und unterschiedlichste Spielarten der Fantasie einlüden, sich ihrer frei zu bedienen.
Mit der Vortäuschung eines gestaltenden Willens legt sie Zeugnis ab über ihre unreife Weigerung, dem Willen den unendlichen Raum zu geben, den er zu seiner Entfaltung nötig hat.
Von ihrer verlogenen Zurückhaltung in allen Dingen des Gebens wird die sie eine die Grenzen zum Grotesken überschreitende Übertreibung des Niederen, des Nutzens in seiner trockensten, von allem lebendigen Fleisch befreiten Form.

Nach nachvollziehbaren Gründen, die Menschen bewogen haben könnten, inmitten dieser charakterlosen Langweiligkeit den Keim für einen Marktflecken zu legen, kann man ebenso vergeblich forschen, wie nach dem Bett des grünen Baches, der in Namen und Wappen des Ortes zu finden ist.
In beiden Angelegenheiten ist nichts Befriedigendes zu finden; die Suche lohnt nicht. Kleine bockige Kinder blieben einfach stehen, weil sie nicht mehr wussten, wohin es gehen sollte; das ängstigte sie und ängstigt sie noch. Dabei richtet sich ihre unreife Rebellion gegen das eigene Fortkommen.
Die Gründung jedenfalls muss auch aus Langeweile geschehen sein, aus Unlust ein Stück weiterzugehen, dahin, wo das Land höher ist und von seinen Menschen mehr verlangt, als dem nackten Nutzen zu dienen. Wenn man diesem wenigstens huldigen würde!
Man redet sich ein, Freude am Einfachen zu haben, dabei ist man nur einsilbig in im Sprechen und Denken und hat verlernt, mit Tiefe und angemessener Länge in beidem sein Menschsein zu beweisen.

Das Nichtssagende und Nichtgesagte ist bis auf das Ende eines von Süden kommenden Höhenrückens gekrochen, der den überwiegend in seinem Westen liegenden Häusern früh am Tag die wohltuend milde Sonne des Ostens nimmt und das Fundament für einen das „Hohe Schloss“ genannten Bau bildet, dessen Name seiner einzig herausragenden Eigenschaft, nämlich höher zu sein als die Häuser des Pöbels, mittlerweile Hohn spricht, da in Sichtweite jüngere, größere Gebäude erhabenere Plätze fanden.
Dennoch schafft es das hohe, unförmige Haus, sich schon aus der Ferne wichtig zu nehmen, weil es wie ein unbeholfen behauener, schmutzig-weißer Marmorblock, den ein ihm überdrüssiger Bildhauer zurückgewiesen hat, eine ihm nicht zustehende Anhöhe besetzt; ein missratenes Denkmal, dem aus Gnade oder Mitleid ein überzähliger Sockel zugewiesen wurde.

An wolkenlosen, hellen, reinen Tagen biedert es sich dem blauen Himmel an, weil es nicht wahrhaben will, dass es für einen tief verhangenen, grauen Himmel gemacht ist, an dem stürmischer Wind Wolkenfetzen über das Schloss hinweg treibt. Dann nimmt es die Gelegenheit gerne wahr, vorzugeben, es könne wenigstens mit schlechtem Wetter etwas geben, gegen das sich Trutz und Trotz lohne.
Je klarer und tiefer das Blau des Himmels ist, desto mehr wird dem aufmerksamen Betrachter das Unvermögen des Gemäuers bewusst, aus den Vorteilen der Umgebung Gewinn zu ziehen.

Ich kam als Vagabund mit dem Nordwind im Rücken in diese Gegend. Aus der Distanz, als kleiner, kantiger schmutzig-weißer Fleck vor dem Panorama des dunkelgrün bewaldeten Hügelkamms vermochte das Schloss meine Neugierde zu wecken, weil sein Unwesen nicht erkennbar war.
Nah genug herangekommen, um des Schlosses seltsame Verweigerung auszeichnender Eigenschaften wahrnehmen zu können, konnte ich bereits ahnen, dass es im darunter liegenden Ort nichts zu gewinnen gibt, was über die Erhaltung eines Stillstands hinausgeht.

Von Zeit zu Zeit singen sie sogar Lieder über Vagabunden.
Sie lachen mit ihnen, solange sie etwas erzählen, dass für sie zum Lachen ist. Dann zeigen sie sich gönnerhaft, freigiebig und lieben ihre Großzügigkeit. Sie haben ein deutliches, aber dummes Lachen und formen aus deutlichen Worten dumme Sätze. Erzählen die Vagabunden Geschichten, um sich selbst zum Lachen bringen, werden sie aus ihrer Mitte geworfen.

Obwohl geblieben, bin ich immer noch ein Vagabund. Arbeit fand ich beim Müller, meine Kunst keinen Anklang. Doch gerade weil sie keinen Anklang findet, wird sie gebraucht, weshalb sich wohl das Schicksal für mein Bleiben entschieden hat.

Karl Ochsenstirn, im Jahr 1 n. A.

Das Bild von Nietzsche – Stand der Dinge III – und weiteres

Von Jürgen Plechinger


Wer weiß, an welchen interessanten Einsichten in gewinnbringender Textgestalt man sich erfreuen könnte, hätte Friedrich Nietzsche den Heerdeninstinkt als „wesentliches primum mobile“ in seiner „Abrechnung mit der Moral“ nicht „einstweilen beiseite gelassen“.

Wesentliches dazu hat Gustave Le Bon nur wenige Jahre später in seiner Abhandlung „Die Psychologie der Massen“ nachvollziehbar dargelegt.

Silvio Gesell konnte die Heerde, bzw. deren oberste Schafsköpfe, nicht von banalsten Selbstverständlichkeiten, die nichts anderes als die Lösung der sozialen Frage bedeuten, überzeugen.
Von der Aussicht auf Weltfrieden und allgemeinem Wohlstand auf höchstem Niveau konnten weder die hart schuftende Masse noch die „führenden Eliten“ damals und heute überzeugt werden.

An der Schwelle zum 21. Jahrhundert, deren Erreichen die Menschheit maßgeblich Arthur C. Clarke zu verdanken hat, identifizierte dieser die „Inbeschlagnahme der Moral durch die Religion“ als „größte Tragödie in der gesamten Geschichte der Menschheit“.

Bis dahin waren 2 Weltkriege und unzählige weitere Kriege über die Weltbühne gegangen und die darauf folgende atomare Abschreckung verhindert seit dem Ende der Sechziger des letzten Jahrhunderts bis heute einen dritten, der — wäre der globale Krieg als Vater aller Dinge konventionell geblieben — „nur“ der nächste in einer Reihe von bis heute fünf Weltkriegen gewesen wäre.

Die unmissverständliche Entlarvung des mindestens 1700 Jahre alten Dramas von Gut und Böse als beschämende, bitter-peinliche Farce durch Friedrich Nietzsche beweist, dass eine wie auch immer geartete, dem Menschen innewohnende Bosheit als Ursache unermesslichen, unaussprechlichen, viele Generationen geschehenen Leids eine der größten Lügen der Menschheit ist.
Das Christentum kennt die als Lösungsvorschlag gründlich missverstandene, umgewertete Erbsünde und könnte in der Folgerung, dass es eben „unabänderlich so ist, Amen!“, stehenbleiben, wenn man mit dieser Einstellung stehen bleiben könnte!
Selbstverständlich entzieht es sich der christlichen Wahrnehmung, dass sich die Welt mit diesem „Zufriedengeben“ sukzessive in die Hölle verwandelt, die der Christ zur Aufrechterhaltung seines Weltbildes und seines „Seelengleichgewichts“ nötig hat.
Weshalb also ist eine Lebensumgebung, die allein durch die Umsetzung banalster Selbstverständlichkeiten zu allgemeinem Wohlstand und dauerhaftem Weltfrieden führt, augenscheinlich nicht verwirklicht?

Annahmen, es könnte — die Entwicklung der Kultur betreffend — eine größere Macht auf Erden geben als das von C. G. Jung beschriebene kollektive Unbewusste können nach der Lektüre der Schriften der genannten Wissenschaftler, Denker und Autoren getrost ad acta gelegt werden.
Man könnte fast meinen, es wäre anzubeten wie ein Gott (diese kleine Pointe verstehen gegenwärtig vielleicht 100 Menschen auf diesem kleinen Planeten).

Jedenfalls sollte deutlich werden, dass Wissen, dass erst nach Nietzsche zugänglich war, seine Schriften in einen Zusammenhang stellen lassen, der es uns, die wir nichts als die „Décadence“ kennen, ermöglicht, sie besser— vielleicht überhaupt erst — zu verstehen.
Zudem wird dick unterstrichen, dass Nietzsche sich durchaus berechtigt als stark genug sah „die Geschichte der Menschheit in zwei Stücke zu zerbrechen.“ Als Leser kann man erahnen, in welche Gebiete man vordringen kann, wenn man sich mit diesem außergewöhnlichen Denker beschäftigt.

Das bedeutet, den Stand der Dings namens Bild von Nietzsche betreffend, dass die Phase der Recherche immer noch andauert, wobei die Zitate aus den ersten Sätzen dieses Beitrags einem Brief Nietzsches aus dem vorletzten Jahr, in dem er noch Briefe schreiben konnte, entnommen sind, diese Lektüre also demnächst ein Ende findet.

Zudem ist die Arbeit, die zu diesem Projekt nötig ist, zwar eine Art Hauptsache, sie kann aber nicht DIE Hauptsache sein, weil es gegenwärtig nichts weiter zu verkaufen gibt als Körperkraft gepaart mit einigen kognitiven Fähigkeiten, also mehr oder weniger ausdauerndes Geschick.
Wobei dieses nicht unbedingt an der Nachfrage liegen muss, sondern auch am künstlerischen Angebot, das auf seine Arten dürftig ist — soviel ist verstanden worden.

Wie schrieb der hochbetagte, in ärmlichen Verhältnissen gestorbene Maler Karl Ochsenstirn in sein Tagebuch: Der Verlauf meines Lebens ließ mich frühzeitig die Nachfrage aus meinem Erwartungsrepertoire streichen.

So kann man arbeiten! Genauer: Sich ausdenken zu müssen, was sich die „Décadence“ an die Wand hängen, drucken oder als gestalterisches Verkaufsvehikel erniedrigen will, hat die Überwindung eines gewissen Weltekels nötig, die nur gegen den allergrößten, aufrichtigem Widerwillen zu bewerkstelligen wäre.

Das bedeutet keinesfalls eine Entmutigung. Dann in jungen Jahren notiert Ochsenstirn am Rand einer Studie: Und wenn das Kunstfertige in der Beharrlichkeit liegt: Auch gut! – Vielleicht ist das die konsequenteste ihrer Ausprägungen.
Daran hätte Nietzsche vielleicht Gefallen gefunden.

Niederstes IV: Das den Beweggrund Erniedrigende

Die Verleugnung des berechtigten, einzig relevanten Lebens- und Willenstriebs, des Eigennutzes, und diesem praktisch im selben Affekt in der heuchlerischen Heimlichkeit des Gutmenschentums und unter dem Mantel der moralischen Überlegenheit in aller gebotenen Kompromisslosigkeit nachzugehen; damit hat man den Hauptteil der Definition des Christseins.
Jürgen Plechinger

Niederstes III: Der „politische Instinkt“

Ein größtenteils unbewusster, untrüglicher Instinkt, die dümmsten, niederträchtigsten, verkommensten Ideen von den hohlsten, schamlosesten, wichtigtuerischsten Dummschwätzern und Heuchlern zu finden und sich ihnen unterzuordnen, solange man davon profitieren kann, dabei stets den feigen, hinterhältigen Plan hegend, jede Gelegenheit zu nutzen, um selbst als oberster Dummschwätzer dumme Ideen in die Welt zu setzen, denen sich dann andere unterzuordnen haben.
Jürgen Plechinger

Das Bild von Nietzsche – Stand der Dinge II

Ermutigung, die jahrzehntelang fast ausschließlich von Innen zu kommen hat, kann nicht mit konstanter Leichtigkeit aufgebracht werden. Die zwar folgerichtige, aber im Grunde am Falschen verschwendete, erst im Nachhinein registrierte Kraftanstrengung hat leicht das Vermögen von einem wichtigeren Schauplatz abzulenken:
In den letzten Händeln eines darauf stattfindenden lähmenden Widerstreits befinden sich Vorstellungen vom Zwang eines unmittelbaren Nutzens und Wagnisse der Unabhängigkeit.
Die Existenz dieses Beitrags zeigt an, dass Letzteres im Begriff ist, die Oberhand zu gewinnen.

Jürgen Plechinger, Das Bild non Nietzsche, Stand der Dinge II

Und vor Allem seien und bleiben wir guter Dinge:
es gibt hundert Gründe in diesem Leben tapfer zu sein
(Nietzsche),

Jürgen Plechinger

Stumpfe Brüskierung

Allenthalben begegnet man stumpfen Zeitgenossen, die einem Benehmen und Höflichkeit als Schwäche anrechnen und es daher nötig machen, beides, beispielsweise während der Klärung eines möglicherweise strittigen Sachverhalts, in einem der Wahrnehmung des Gegenübers entsprechendem Maße zu reduzieren.
Gerade jene meinen dann, ob eines vermeintlich rauen Tons, brüskiert sein zu müssen.

Jürgen Plechinger