Jürgen Plechinger aka Melezy Przikap

Zeuge der Menschwerdung

Es dürfte im Jahr 2011 gewesen sein, als ich „im Internet“ nach Antworten auf noch recht vage formulierte Fragen suchend auf einen Kommentar stieß, der meine Neugier weitaus mehr weckte als der kommentierte Beitrag. Welche Aspekte des menschlichen Zusammenlebens dort behandelt wurden, weiß ich nicht mehr, aber sicher hatte es mit Ökonomie und/oder Religion zu tun.
Mein damaliger Zustand rastloser Suche wäre sicherlich ein hinreichendes Motiv gewesen, „einfach so“ dem Link zu folgen. Den Ausschlag gaben jedoch eine oder mehrere unerhörte Behauptungen, die durchaus konfrontativ, aber gleichzeitig klar und kompromisslos übermittelt wurden (der Ausdruck „kompromisslos“ ist für das Beschreiben von stahlharten Wahrheiten eigentlich maximal unpassend, aber als Unwissender bewertete ich das damals so).
Ich war in den letzten Zügen der Genesung von einer Art allumfassenden Dysfunktionalität. Sich mit der menschlichen Psyche beschäftigende Wissenschaftszweige haben dafür Namen, die Idioten die Berechtigung gaben, Mitidioten (noch war ich einer) in deren Weltbild befriedigend und im besten Falle als krank einordnen zu können.
Bevor man als vermeintlich Lebensuntüchtiger in der selbstgewählten Nichtexistenz eine letzte, freiwillige, als selbstwirksam missinterpretierte Entscheidung über sein Dasein auszuüben gedenkt, kann man möglicherweise in einen Zustand geraten, indem es leichter gelingt, sicher scheinende, unverrückbare Dinge zu hinterfragen.

„Man kann sich auf Unvorhersehbares nur vorbereiten, indem man versucht, aufgeschlossen und unvoreingenommen zu bleiben – ein außerordentlich schwieriges Unterfangen, selbst beim besten Willen der Welt. Ein vollkommen offener Verstand müsste leer sein, und Freiheit von allen Vorurteilen und vorgefassten Meinungen ist ein unerreichbares Ideal.“

Arthur C. Clarke

Dass mich Unvorhersehbares erwartete, wusste ich selbstverständlich noch nicht. Entweder war der geringe Restverstand, den ich als Idiot besaß, offen genug für ein unerhörtes Weltbild oder ich?/etwas?/er? führte meine oft geübte kämpferische (Ver)Weigerung, Mehrheitsneigungen zu frönen, in sinnvollere Bahnen.

„In the clearing stands a boxer
And a fighter by his trade
And he carries the reminders
Of every glove that laid him down“

Paul Simon, 1968

Ich stand also in „the clearing“, einen Cut an der Braue, die Augen zugeschwollen, der nach Eisen schmeckende Zahnschutz rot vom Blut der aufgesprungenen Lippe und hatte momentan keinen Bewertungsmaßstab dafür, wie die bisherigen Runden gelaufen waren.
Der eingangs erwähnte Kommentar stammte von Stefan Wehmeier, der unter einem zum kommentierten Thema passenden Textausschnitt aus seiner Website auf diese verlinkte. Ob „Der Wahrheit letzter Schluss“ oder „Opium des Volkes“ das Linkziel war, weiß ich nicht mehr, aber ich war schon beim Lesen der jeweils ersten Abschnitte sofort empfänglich für mehr. Für aufmerksame Leser ist es praktisch unmöglich, den jeweils anderen der sich ergänzenden Internetauftritte zu verfehlen, da sie an vielen Stellen miteinander verlinkt sind.
Ich las in den kommenden Wochen alles, was ich an HTML- und PDF-Daten angezeigt bekam bzw. herunterladen konnte. Glücklicherweise postete Stefan immer wieder neue Beiträge (auf „Opium des Volkes“), so dass stets mit aktuellem Lesestoff zu rechnen war.
Da ich nicht gerne am Bildschirm lese, druckte ich alle Texte nach und nach aus. Sie waren über Monate fast meine einzige Lesequelle, wobei dazu auch die verlinkte, weiterführende Literatur zählte.
Zuletzt fehlte nur noch Stefans Buch: „Himmel auf Erden“. Man konnte es über ein einfaches Formular bestellen. Ein überaus sympathischer Herbert Kniep wickelte den Bestellvorgang ab. Laut Stefans Widmung habe ich das wahre (wirkliche) Buch der Bücher irgendwann im Lauf des Jahres 2013 geschickt bekommen. Ich las es, wie man ein wohlschmeckendes Essen genießen sollte: Nicht zu schnell; ich kaute ausgiebig, beließ die Häppchen lange in meinem Mund, um jede Geschmacksnuance zu erhaschen. Oft las ich nur kurze Abschnitte und ließ sie lange nachwirken. Denn irgendwie vermutete ich, dass das erhabene Gefühl freudigen Erstaunens durch eine Enttäuschung getrübt sein würde, wenn der letzte Satz gelesen war. Dergleichen Erkenntnisstoff bekommt man in diesem Leben wahrscheinlich nicht mehr. Wäre das ein Jammern, dann auf sehr hohem Niveau; schließlich ist die Zeitgenossenschaft mit dem Urheber dieser bis heute andauernden Heidenarbeit bis zum jüngsten Tag ein überaus rares und deshalb umso höheres Privileg (Ersteres zumindest bis zum jüngsten Tag).
In der Folgezeit gab es eine Menge über die zahllosen Aspekte der für die Masse unbekannten Wirklichkeit nachzudenken. Nicht alles war ohne weitere Quellen sofort verständlich bzw. für einen in der Auferstehung befindlichen Idioten leicht als Tatsache zu akzeptieren. Erstaunlicherweise stellten die Anteile einer Art „spirituellen“ Sehnsucht in meiner rastlosen Suche überhaupt keine Schwierigkeit im Erkenntnisprozess dar. Alle Hindernisse im Verlauf der Auferstehung hatten in der Regel mit dem Mangel an Wissen und der Bereitschaft nach dessen Ausgleich zu tun. Sofern es die Lebensumstände eines auf Tauschmittel angewiesenen Zinsverlierers es gestatteten, bemühte ich mich also um das Füllen der Wissenslücken.
Im Nachhinein spricht nichts dagegen, meine Auferstehung Anfang 2014 als so weit fortgeschritten zu betrachten, dass man sie als das bezeichnen konnte. Damit kommen 42 Jahre einer Existenz als Idiot unter Idioten zusammen. Die elementaren Dinge hatte ich soweit verstanden, dass ich nun wusste, warum ich in diesem Dasein bis zum jüngsten Tag nicht so recht glücklich sein würde.

„Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden. Und wer einen Leichnam gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.“

Jesus von Nazareth (NHC II,2,56)

Da meine Lebensgeschichte, um nicht allzu selbstmitleidig zu klingen, beileibe nicht nur von Glücksmomenten geprägt ist, sorgt die Erkenntnis, dass die Welt aus geistig Toten (Religiösen) besteht, nicht unbedingt für schlechtere Laune. Anders verhält es sich mit dem Ertragen der Einsamkeit. Wenn der eigene Erkenntnisstand für die überwiegende Mehrheit erst nach dem jüngsten Tag erreicht werden kann, hat schon das Erleben von Alltagskontakten eine Bandbreite von quälend langweilig bis maximal nervtötend. Von nächsten und nahen Mitmenschen in einer zwangsläufig unbewussten Selbstüberschätzung vorgetragenes Expertenwissen, z. B. über Politik, Wirtschaft, Pandemien oder das Klima, erfordert(e) bisweilen eine gehörige Portion Geduld.
In den darauffolgenden Jahren leistete ich mir, was den Zeitpunkt, die Ursachen und den Ablauf der „Not, wie es noch nie einen gegeben hat“ (Markus 13,19-20) betraf, eine Reihe von Irrtümern. Ich muss zugeben, dass man das weniger einer optimistischen Einstellung, sondern eher einer gewissen Restdummheit zurechnen muss. Grundsätzlich bestand immer die Hoffnung auf einen baldestmöglichen Himmel auf Erden. Ich hielt kollektives ökonomisches Handeln einer Masse von Idioten in relevanten Bereichen für viel fragiler und damit anfälliger für das Entstehen entscheidender Zusammenbruchserscheinungen.
Möglicherweise müssten mir viele Dinge, die ich als Melezy Przikap schrieb und zeichnete, heute peinlich oder beschämend sein. Ganz bestimmt gäbe es einiges umzuformulieren oder zu relativieren. Aus heutiger Sicht könnte ich vieles exakter und unmissverständlicher ausdrücken. Zurückzunehmen habe ich allerdings nichts.
Es spiegelt den Stand meines Bewusstseins zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wider.
Ich verfasste diese Beträge aus verschiedenen Motiven. Sie gehören in einen Lebensabschnitt, in dem ich annahm, ich könnte eine besondere kreative Ader oder wie man das auch immer nennen mag, haben. Dieser Annahme entsprangen auch einige Gedankenspiele, die ich in einigen Beiträgen ausführte. Da sich das Interesse an diesen Inhalten konsequent in die Historie einer Gesamtnachfrage einfügt, hält sich die Enttäuschung in Grenzen. Wenn der Wert eines Menschen von der Nachfrage nach seinen Fähigkeiten (und vielleicht Eigenschaften) abhängt, gebe ich meine Bilanz besser nicht zum Besten. Ob sich nach dem jüngsten Tag etwas daran ändert, wird sich erst zeigen müssen. Sollte ein künstlicher Prophet etwas taugen, dann wird Stefan in einem Monat einen echt beschissenen Job übernehmen.

„Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen. Er, der auf dem Thron saß, sprach: Seht, ich mache alles neu.“

Einheitsübersetzung 1980, Offenbarung 21,3-5

Dem Widerwillen, ihn dafür zu bedauern, liegt der Respekt, den ich ihm zolle, zugrunde. Es ziemt einem Schüler nicht, einen Meister zu bedauern.
Auf den Vorgang, wie aus geistig Toten endlich Menschen werden, schaue ich mit gewohnter Neugier und auch einer großen Portion Spannung. Vielleicht bin ich ein wenig neidisch auf Ottonormalschwachkopf, weil er noch die Gelegenheit hat, zu erstaunlichem Wissen zu kommen.

„Sie werden nicht wie Götter sein, denn keine Götter, die wir uns vorstellen können, haben je über die Kräfte verfügt, die diese Wesen besitzen werden. Und trotzdem werden sie uns vielleicht beneiden, wenn sie sich im hellen Abendrot der Schöpfung sonnen. Denn wir kannten das Universum, als es noch jung war.“

Arthur C. Clarke, Profile der Zukunft

Freiwirtschaftliche Grüße

P.

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